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SKM-Gewaltschutzräume für Männer

Im vergangenen Jahr eröffneten die SKMs in Düsseldorf und Köln die ersten Gewaltschutzwohnräume für Männer in NRW. Seitdem sind insgesamt 14 der insgesamt 27 Plätze in Gewaltschutzwohnungen in katholischer Trägerschaft. SKM-Generalsekretär Stephan Buttgereit erzählt, warum der SKM sich diesem noch immer tabubehafteten Thema annimmt.

Herr Buttgereit, warum braucht es Gewaltschutzräume für Männer in Deutschland?

Stephan Buttgereit: Die Polizeistatistik des Bundeskriminalamtes von 2018 besagt, dass rund 20 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt männlich sind. Da wir also für die 80 Prozent betroffenen weiblichen Opfer häuslicher Gewalt selbstverständlich Frauenhäuser brauchen und auch vorhalten, ist es gut und richtig, dass es ähnliche Angebote auch für Männer gibt.

Welche Männer nehmen dieses Angebot wahr?
Aus den ersten vorliegenden Erkenntnissen neh
men diese Angebote Männer aus verschiedenen Milieus, verschiedenen Nationalitäten und zum Teil verschiedenen Beweggründen wahr. Das sind Opfer häuslicher Gewalt aber auch Männer, die Opfer von Zwangsheirat sind. Die Männer flüchten vor Gewalt in Beziehungen oder vor familiärem Druck. Für diese Männer gab es bislang keine Schutzräume.

Wie finden die betroffenen Männer das Angebot des SKM?
Männer finden die Gewaltschutzräume im Inter
net, wenn sie zum Beispiel „Gewaltschutzwohnung für Männer“ in die Suchmaschine eingeben. Oder sie finden Hilfe auf der Seite des Gleichstellungsministeriums in NRW sowie der Website des SKM. Wir arbeiten als Bundesverband daran, dass über die Schutzwohnungen und häusliche Gewalt gegen Männer in den Medien berichtet wird nach wie vor ist das ein Tabuthema. Das Medienecho zur Eröffnung der ersten Gewaltschutzräume in NRW war entsprechend groß! Die Plätze, die wir in NRW vorhalten, können Männer in ganz Deutschland wahrnehmen, nicht nur die, die in NRW leben.

Welches Konzept steckt hinter den Schutzräumen des SKM?
Erst einmal ist da die Analogie zu den Frauenhäu
sern, die Männer und gegebenenfalls ihre Kinder erst mal aus der akuten Gewaltsituationen herauszuholen. Dann arbeiten die Berater*innen mit den Männern daran, aus der Angststarre durch die erlittene Gewalt heraus ins Handeln zu kommen. Wir unterstützen und begleiten die Männer in dem ganzen Prozess vom Ankommen bei uns bis hin zur Verselbstständigung.

Wie muss ich mir so eine Wohnung vorstellen?
Die Gewaltschutzräume sind im positiven Sinne
ganz normale Wohnungen, die eine Grundausstattung mit Küche, Schlafzimmer und Badezimmer haben. Dort, wo wir Plätze für Kinder vorhalten, natürlich auch mit Räumlichkeiten für die Kinder. Die Wohnungen sind gut erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie sind anonym, damit die Männer von Nachstellungen von Täter*innen geschützt werden müssen.

Ein Mann ruft beim SKM an, weil er Opfer von häuslicher Gewalt wird. Was passiert dann?
Ein*e ausgebildete*r Krisen- und Männerbera
ter*in, nimmt den Kontakt mit dem betroffenen Mann auf und macht kurzfristig einen Termin mit ihm aus. Gemeinsam sondieren Berater*in und Mann die Lage um zu schauen, ob dieser mit seiner Problemlage, in die Struktur und auch in das Konzept der Gewaltschutzwohnungen passt. Wenn das der Fall ist, wird er aufgenommen. Wenn das nicht der Fall sein sollte, wird geschaut, wie dem Mann in der Krise und der Not anderweitig geholfen werden kann, zum Beispiel in der Krisenberatung, die SKMs an vielen Orten in Deutschland anbieten. Während die Männer in der Wohnung sind, werden sie von zumeist männlichen Sozialarbeitern begleitet. Die Unterbringung in der Wohnung ist auf rund drei Monate angelegt.

Was kommt nach der Zeit in der Schutzwohnung?
Die Männer haben die Möglichkeit sich in unseren Beratungsstellen beraten und begleiten zu lassen oder sich Unterstützung zu holen. So kann der Prozess, den der Mann in unserer Gewaltschutzwohnung begonnen hat, erfolgreich weitergeführt werden. Das hängt ganz von den Bedarfen ab, die der Mann hat und welche Unterstützungsleistungen wir ihm in der Begleitung anbieten können.

Es handelt sich dabei um ein rund dreijähriges Modellprojekt, gefördert durch das Ministerium für Gleichstellung des Landes NRW. Wie geht es nach Ablauf des Modellprojekts weiter?
Wir haben uns gemeinsam mit dem Ministerium
auf den Weg gemacht, um zu schauen, ob und welche Bedarfe es gibt. Wir erörtern gemeinsam mit dem Ministerium, ob unser Konzept die richtige Form für von häuslicher Gewalt betroffene Männer ist. Wenn deutlich wird – und das sieht ganz danach aus –, dass es diesen Bedarf tatsächlich gibt, habe ich Frau Ministerin Scharrenbach so erlebt, dass sie offen ist, mit uns und mit den Akteur*innen in der Wohlfahrtspflege zu schauen, welche Hilfsangebote es für Männer weiterhin geben muss. Wir sind erst am Anfang. Aktuell wird das Angebot von Männern genutzt: die Wohnungen sind seit Eröffnung komplett belegt. Das freut uns einerseits, anderseits belastet das natürlich, weil der vermutete Bedarf sich jetzt tatsächlich einstellt und wir gesellschaftlich drauf reagieren müssen: Wir können jetzt die Augen nicht mehr davor schließen, dass auch Männer häufig Opfer häuslicher Gewalt werden – und, dass diesen Männern genauso wie den Frauen Hilfsangebote zur Seite gestellt werden müssen.

Ist der Bundesverband aktuell mit seinen Mitgliedsverein jenseits von NRW im Gespräch für weitere Gewaltschutzräume für Männer?
Auf alle Fälle! Auf der Website echte-männer-reden.de
haben wir zurzeit unsere Männer-, Väter-, Krisen- und Gewaltberatungsstellen aufgeführt. Alle dort genannten Träger sind in der Lage, ein Konzept einer Gewaltschutzwohnung umzusetzen. Wir sind natürlich mit unseren Trägern im SKM und der verbandlichen Caritas im Gespräch, dass sie sich mit Angeboten bereithalten sollten, wenn in den jeweiligen Bundesländern solche Angebote kommen. Zum Teil wird überlegt, ob sie nicht selber proaktiv auch bei ihren Landesregierungen Anträge auf Modellprojekte für Gewaltschutzwohnungen für Männer initiieren. Mit den bereits bestehenden Konzepten der SKMs haben wir Grundsteine gelegt, die unsere Mitgliedsvereine nutzen können.

Wie arbeitet der SKM bundesweit am Thema Gewaltschutz für Männer?
Der SKM ist Mitglied im Bundesforum Männer. Es
dient uns als Multiplikator auf Bundesebene. Auch über die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz sind wir gut vernetzt, um die Erfahrungen, die wir in den Gewaltschutzwohnungen machen, deutschlandweit konstruktiv weiterzuentwickeln.

In welcher Form ist der SKM im Gespräch mit
den Interessenvertretungen von Frauen, die Träger von Frauenhäusern sind?
Wir sind zum Beispiel mit unserem Schwesterverband SkF
in vielen Geschlechterfragen in einem guten und kontinuierlichen Austausch das Thema Gewaltschutzwohnen gehört natürlich dazu. Wir haben von Seiten des SKM ein hohes Interesse daran, dass nicht die Situation der Opfer gegeneinander ausgespielt wird. Wir sind eindeutig an der Seite des SkF und anderer Frauenverbände im Feld, die sich um weibliche Opfer häuslicher Gewalt kümmern. Es muss, soll und darf nur gleiche Standards in Ausstattung und Personal geben – egal ob die Opfer männlich oder weiblich sind. Die Notlagen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir müssen gemeinsam schauen: Was braucht es, um der häuslichen Gewalt gegen Frauen und Männer zu begegnen und gute Angebote für die Opfer vorzuhalten?